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Fieber, Botenstoffe und ein tödlicher Sturm

Zytokine sind Botenstoffe des Immunsystems, die Entzündungen auslösen und die Körpertemperatur beeinflussen. Bei schweren Infektionen kann dabei ein lebensbedrohlicher Zytokinsturm entstehen.

Fieber unterstützt die Abwehr von Bakterien und Viren. Immunzellen senden daher Botenstoffe aus, die in das Gehirn wandern und ein Signal für die Erhöhung der Körpertemperatur übermitteln. Zu diesen Botenstoffen oder Zytokinen gehören das Interleukin-1 (IL-1) und das Interleukin-6 (IL-6)1.

Zytokine lösen nicht nur Fieber aus, sondern organisieren auch die Immunantwort am Ort der Infektion. Wichtig ist dabei der Tumornekrosefaktor-α (TNF-α)2: Er erzeugt eine entzündliche Reaktion und lockt weitere Immunzellen herbei. Meist wird der Erreger innerhalb weniger Tage beseitigt, die Entzündung flaut ab und das Gewebe nimmt seine normale Funktion wieder auf.

Zytokinsturm bei hartnäckigen Infektionen

Doch bei schweren Infektionen wie Covid-19 oder Influenza leistet das Virus hartnäckig Widerstand. In der Folge werden immer mehr Immunzellen aktiviert, die immer mehr Zytokine produzieren. Dieses Phänomen nennt sich Zytokinfreisetzungs-Syndrom, in lebensbedrohlichen Fällen auch Hyperzytokinämie – oder deutlich eingängiger "Zytokinsturm".

Ein Zytokinsturm löst hohes Fieber aus, doch viel gefährlicher ist, dass die Entzündungsreaktion auf den ganzen Körper übergreift und die Funktion vieler Organe stört. In etwa der Hälfte der Fälle wird die Lunge in Mitleidenschaft gezogen3, zudem können Herz, Nieren und das Gefäßsystem betroffen sein. Fällt eines oder mehrere Körperorgane aus, wird der Zustand rasch lebensbedrohlich.

Gefahr bei Covid-19 und Influenza

Diese Komplikationen treten auch bei Covid-19 auf. Bei vielen schwer erkrankten Patienten finden sich hohe Mengen des Zytokins IL-6 im Blut, auch andere Symptome weisen eindeutig auf einen Zytokinsturm hin. Er gilt als einer von drei Faktoren, die dem Krankheitsverlauf eine lebensbedrohliche Richtung verleihen können (neben Immunschwächen und Vorerkrankungen)4. Ähnliches gilt bei den verwandten Infektionskrankheiten SARS und MERS6, aber auch bei schweren Verläufen der Influenza5.

Fiebersenkende Mittel aus der Hausapotheke sind dann wirkungslos: Es werden Medikamente benötigt, die tief in die Funktion des Immunsystems eingreifen. Anfangs wurden viele Covid-19-Patienten mit Kortikosteroiden behandelt, aber die meisten Experten raten nun davon ab: Diese Entzündungshemmer können die Abwehr von Viren beeinträchtigen6 und die Gefahr von Lungenschäden erhöhen3.

Blockade von IL-6

Hilfe verspricht jedoch ein Medikament, mit dem Krebsmediziner gute Erfahrungen gemacht haben. Seit wenigen Jahren kann Blutkrebs mit CAR-T-Zelltherapien behandelt werden, die ebenfalls häufig einen Zytokinsturm auslösen. In diesen Fällen hat sich ein Wirkstoff namens Tocilizumab bewährt, der die Wirkung des Zytokins Interleukin-6 blockiert.

In einer ersten Studie aus China erwies sich Tocilizumab als recht erfolgreich: Bei einer kleinen Zahl von Covid-19-Patienten sank das Fieber innerhalb eines Tages deutlich, auch die anderen Krankheitssymptome ließen bald nach7. Eine deutlich größere Studie, an der auch die Uniklinik München beteiligt ist, soll diese Ergebnisse nun bestätigen4.

Zytokinstürme waren schon immer ein großes Problem bei Infektionen, aber die Entwicklung der CAR-T-Zellen und das Auftreten von Covid-19 hat ihre medizinische Bedeutung noch verstärkt. Ärzte forschen daher intensiv an besseren Medikamenten. Es besteht die berechtigte Hoffnung, dass Zytokinstürme in Zukunft besser beherrschbar werden.

Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise - sie dürfen nicht zur Selbstdiagnose oder Selbstbehandlung dienen. Einen Arztbesuch können sie auf keinen Fall ersetzen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • 1 Lungenärzte im Netz, Wieso kommt es bei Grippe zu hohem Fieber?, Dezember 2009 (Link)
  • 2 B. Wick-Urban, TNF-α-Antagonisten: Immunbiologika bei Entzündungen, Pharmazeutische Zeitung, Juli 2013 (Link)
alle Referenzen anzeigen
  • 3 Mehta et al., COVID-19: consider cytokine storm syndromes and immunosuppression As, Lancet, März 2020 (Link)
  • 4 Ludwig-Maximilians-Universität München, LMU Klinikum startet Covid-19 Therapiestudie mit Tocilizumab, Pressemitteilung, März 2020 (Link)
  • 5 Guo und Thomas, New fronts emerge in the influenza cytokine storm, Sem Immunopathol, Juli 2017 (Link)
  • 6 Moore und June, Cytokine release syndrome in severe COVID-19, Science, Mai 2020 (Link)
  • 7 D. Hüttemann, Zytokinsturm bei Covid-19 : Gute erste Ergebnisse für Tocilizumab, Pharmazeutische Zeitung, April 2020 (Link)
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